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| Politik
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Mit
LEBENSRAUSCH.com gegen Drogensucht? Wie Kinder und
Jugendliche über ein Internetportal Lebenskompetenz erwerben
sollen Von Claus
Dümde
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Am
Stand von LEBENSRAUSCH.com auf der Spielemesse »Games
Convention« in Leipzig, links Susanne Kahl Foto: Leipziger
Messe |
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| Über ein Viertel der 12- bis
25-Jährigen haben Erfahrungen mit illegalen Drogen, freilich
vorwiegend durch »Probierkonsum« von Cannabis. Um dazu beizutragen,
dass sie nicht zu den rund 300000 Menschen stoßen, die in
Deutschland von harten Drogen abhängig sind, wurde jetzt ein neues
Internet-Portal gegründet.
LEBENSRAUSCH.com
heißen Internet-Adresse und Projekt. Dessen Präsentation auf der
Computerspielemesse »Games Convention« vorige Woche in Leipzig
mutete freilich erst wie eine Trauerfeier an: Ältere Herren in
dunklen Anzügen dominierten die Pressekonferenz. Während die im
Präsidium platzierten Fallzahlen aus der Kriminalstatistik
vortrugen, Vermutungen über Dunkelziffern äußerten, über Prävention
sprachen und natürlich dieses Projekt lobten, das sie alle
unterstützen, doch zuvor unterstrichen, wie nötig Repression ist,
dass man auch Drogen wie Haschisch nicht verharmlosen darf, schauten
die Schlipsträger im Publikum ernst drein. Und am Ende der
Statements spendeten sie ihren Vorgesetzten sogar Beifall.
Seltsam. Wie das Bekenntnis von Andreas Trautvetter,
Vorsitzender der Innenministerkonferenz der Länder, es sei für ihn
»erschreckend« gewesen, dass vor kurzem »mitten im Thüringer Wald
urplötzlich eine ganze Hanfplantage entdeckt wird«. Wo lebt der
Mann? Überall in Deutschland wird das Kraut angebaut, meist zum
Eigengebrauch, doch zunehmend werden auch kommerziell betriebene
Gewächshausanlagen und Plangen entdeckt, wie eben auch bei
Masserberg, nur rund 100 Meter neben dem Rennsteig.
Warum die Krankenkasse hilft, einen Job zu
finden
Während sich der Minister mit der Suche nach
Gründen dafür nicht aufhielt, nur ganz allgemein darauf verwies,
dass mit Drogenkonsum »menschliche Schicksale verbunden« sind,
wollte die Lokalzeitung »Freies Wort« konkret werden: Eine
Journalistin fragte bei der Suchtberatung Hildburghausen nach und
erfuhr, dass unter deren »Klienten« der Alkohol mit 68 Prozent noch
immer »die Droge Nummer Eins« ist, Cannabis-Konsum hingegen »eine
eher untergeordnete Rolle« spielt. Auch auf erste Ergebnisse
einer »Cannabis-Studie« des Münchner IFT-Instituts verwies das
Südthüringer Blatt seine Leser: 23 Prozent aller befragten 18- bis
24-Jährigen mit »Cannabisproblemen« haben noch ein ganz anderes
Problem: Sie sind arbeitslos. Doch das sprach bei der
Pressekonferenz in Leipzig nur Uwe Schröder von der
Innungskrankenkasse Sachsen-Anhalt an. Weil sie pro Jahr 1,2
Millionen Euro für Behandlung von drogenabhängigen Mitgliedern
ausgeben muss, handle die Kasse auch auf diesem Feld nach der Maxime
»Vorsorge ist besser als Nachsorge«. Über 8000 Kinder und
Jugendliche habe man erreicht, nicht nur Alternativen zu
Drogenkonsum in Problemsituationen aufgezeigt, auch bei der
Vermittlung von Jobs geholfen... Minister Trautvetter dachte
hingegen zunächst an »sinnvolle Angebote für die
Freizeitgestaltung«, sprach von Sportvereinen, kirchlichen
Jugendgruppen, Musikschulen, der Freiwilligen Feuerwehr. Und zur
Prävention gehöre »eben auch, über Gefahren aufzuklären und keine
Drogen zu verharmlosen«. Er halte es für falsch, weitere zu
legalisieren: »Gerade weil Haschisch oft genug als Einstiegsdroge
wirkt, dürfen wir es keineswegs freigeben...« Innenstaatssekretär
Paul Uwe Söker aus Sachsen-Anhalt forderte unter Berufung auf
Forschungsprojekte in seinem Lande »ganzheitliche
Präventionsangebote«. Und Direktor Ingmar Weitemeier vom LKA
Mecklenburg-Vorpommern verwies darauf, dass gerade Jugendliche bei
Drogenkonsum kein Unrechtsbewusstsein haben. Daher reiche es nicht
aus, »im repressiven Bereich zu agieren und den Zeigefinger zu
erheben«.
Was Kids o.k. finden und trotzdem
etwas bringt
Was könnte man statt dessen tun? Erst
ganz zum Schluss der Pressekonferenz erhielt Susanne Kahl das Wort.
Die Magdeburgerin, 16, Schülerin der 10. Klasse, saß in ihrem blauen
T-Shirt mit dem Logo von LEBENSRAUSCH.com wie eingeklemmt zwischen
den Politikern und Beamten im Podium. Nun erläuterte sie knapp,
konzentriert und präzise, was das Projekt will, wie es funktioniert
und wer dazu gehört. »Wenn Menschen Drogen nehmen, versuchen sie in
eine bessere Welt zu kommen, um ihre Probleme zu mindern oder ganz
zu lösen«, sagte sie. Und nannte die neuen, die dadurch entstehen:
von Abhängigkeit bis Problemen in der Familie. Doch die Art, über
Drogen aufzuklären, »wie sie in der Schule passiert«, sei ziemlich
langweilig. Das bringe vielleicht Wissenszuwachs, halte aber
Jugendliche oft nicht davon ab, Drogen zu nehmen. »Und deshalb
musste ein neuer Weg gefunden werden, den die Kids o. k. finden, der
aber trotzdem etwas bringt.« Und was ist o.k.? Susanne Kahl, die
zum Redaktionsteam des Projekts gehört, weiß das vermutlich gut. In
Magdeburg ist sie im »Medientreff Zone!« aktiv. In dem Jugendklub
werden Schülerzeitungen layoutet, allerhand Projekte nicht zuletzt
mit Hilfe des Internets realisiert. Im Netz findet man unter der
Adresse www.lebenskompetenz.org auch ein vom Landeskriminalamt
initiiertes Pilotprojekt zur Drogenprävention an Schulen. Seit der
7. Klasse haben sich 21 Schüler des Goethe-Gymnasiums Roßlau drei
Jahre lang sowohl im neu geschaffenen Unterrichtsfach
»Lebenskompetenz« als auch in ihrer Freizeit unter anderem mit Sucht
und Drogen auseinander gesetzt. Wilfried Mario Just vom LKA
Sachsen-Anhalt, der sie dabei begleitet hat, bis nach Linz in
Österreich, wo man schon viel weiter ist bei der Drogenprävention,
ist nun auch die »Seele« von LEBENSRAUSCH.com. Der Chemiker ging
nach dem Studium im Wendeherbst 1989 als Kriminaltechniker zur
Polizei. Weil mit der Einheit auch mehr und mehr Rauschgift in den
Osten kam, engagierte er sich für Drogenprävention, absolvierte ein
zweites Studium, Sozialpädagogik, entwickelte Konzepte, suchte und
fand Partner, um sie auszuprobieren. Dass nun fünf der sechs
ostdeutschen Landeskriminalämter – das Berliner kümmert sich nicht
mehr um Prävention, hieß es in Leipzig – ein gemeinsames Projekt
starten, wäre ohne ihn undenkbar. Doch er bleibt lieber im
Hintergrund.
UnsereThemen?Alles,was
füreuchinteressantist
So stellte eben Susanne
Kahl das neue Projekt vor: »Ein Netzwerk soll entstehen.« Dass dies
nicht nur frommer Wunsch ist, belegen die Unterschriften unter die
Projektvereinbarung, die Just am Stand von LEBENSRAUSCH.com abseits
der von Spiel- und Profitsucht geprägten Hallen der »Games
Convention« im weit ruhigeren und seriösen Ausstellungsteil »GC
family« einsammelte. Partner sind neben den fünf LKA u. a. die
Zeitschrift »PC Games«, die Leipziger Messe, zwei Krankenkassen, die
Uni Magdeburg, der Handballverband Sachsen-Anhalts und die Lintec
AG, die auf der Messe PC-Hardware zur Verfügung stellte.
Personalchefin Renate Lindemeyer engagiert sich, damit auch in
Sachsen Projekte wie das in Roßlau ins Leben gerufen werden,
möglichst am Gymnasium ihrer Tochter. »Wichtigstes Ziel des
Projekts Lebensrausch ist es, Straftaten zu verhindern und den
Drogenkonsum zu senken«, sagte Susanne Kahl auf der Pressekonferenz,
als habe man es ihr so aufgeschrieben. »Auf illegale Drogen soll man
komplett verzichten, und bei legalen Drogen soll jeder selber
wissen, was und wie viel für ihn gut ist.« Es gehe um
Selbstkontrolle und darum, ein Verantwortungsgefühl sich selbst und
anderen gegenüber zu entwickeln. Wie LEBENSRAUSCH.com dazu
beitragen könnte, ist im Netz nachzulesen. Eine »gute Community«
solle aufgebaut werden, heißt es da. »Wobei unsere Themen eigentlich
eure Themen sind – alles das, was für euch von Interesse ist oder
sein könnte.« Dass da Drogen nur beiläufig erwähnt werden, ist für
Just kein Problem. Für ihn geht's auch bei diesem Projekt um
Lebenskompetenz, sagt er. Aber der Projekt-Name ist weder Zufall
noch Verlegenheitslösung. Wenn Kids ohne Drogen im »Lebensrausch«
sind, so die Überlegung, ist die Chance wahrscheinlich größer, dass
sie weder am Wochenende »Kampfsaufen« exerzieren noch sich
gedankenlos irgendwelche bunten Pillen einwerfen, nicht mal aus
Neugier. Gerade deshalb sollen sie eben selbst bestimmen, was in dem
neuen Internet-Portal zu lesen, sehen und hören ist. Einer der
ersten Beiträge im Forum war übrigens ein Link auf eine Erklärung
der CDU-Bundestagsabgeordneten Gerlinde Kaupa zur Hanfparade in
Berlin und dem geplanten Hanftag in München, den Mathias Schindler
aus Frankfurt (Oder oder Main?) samt sechs Fragen an die
Drogenbeauftragte ihrer Fraktion auf die Seite stellte. Um Computer-
und Spielefreaks zu ködern, sich auch mit Themen wie Sucht und
Drogen oder Gewalt zu befassen, ist ein Wettbewerb zur Entwicklung
neuer PC- und Online-Spiele sowie Bildschirmschoner gestartet
worden. Neben attraktiven Preisen lockt die Aussicht, dass sie
womöglich demnächst auf Tausenden Bildschirmen zu sehen sind, weil
sie bei LEBENSRAUSCH.com kostenlos herunter geladen werden können.
Andere fühlen sich vielleicht durch prominente »Botschafter« des
Projekts wie die Breakdanceweltmeister Da Rookies angesprochen. Oder
durch Workshops, zur Softwareprogrammierung wie zu inhaltlichen
Fragen bis hin zu Ausländerfeindlichkeit. Gabriele Gül Tank von der
Multi-Kulti-Band »Die bösen Mädchen« hat dabei Unterstützung
zugesagt. So bliebe Berlin wenigstens nicht völlig draußen. Ob
das Konzept aufgeht? Dass sich bis gestern Mittag im Forum erst neun
Teilnehmer registriert hatten, beunruhigt Just nicht. Die Zahl der
»Gäste«, die sich erst mal umsahen, war weit größer. Nächste Woche
sollen weitere Seiten und Links ins Netz gestellt werden. Selbst
wenn LEBENSRAUSCH.com kein »Geheimtipp« wird, muss das vorerst bis
2005 konzipierte Projekt nicht als Verlust abgebucht werden, nicht
mal finanziell. Eine Zivi-Stelle und rund 20000 Euro wurden bislang
dafür locker gemacht. Die Behandlung eines einzigen Drogenabhängigen
kostet laut IKK-Chef Schröder im Schnitt 40000 Euro, pro Jahr. Deren
Zahl wird in Deutschland, wie erwähnt, auf 300000 geschätzt. Tendenz
steigend.
(ND 28.08.03) | |