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Kinderhände greifen häufiger zum Joint
 
Drogen-Konsumenten in der Region werden immer jünger
 
«Das Durchschnittsalter der Drogen-Konsumenten sinkt» , warnen Experten. Nicht einmal 14 Jahre alte Kinder, die zu Rauschmitteln greifen, sind in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt keine Ausnahme mehr. Gleichaltrige sollen deshalb jetzt in Schulen und im Bekanntenkreis verstärkt Aufklärungsarbeit leisten.
 

Marihuana verursacht nach neuesten Erkenntnissen auch bei ständigem Konsum keine Schäden im Hirn.

Die Meldungen häufen sich: Vorgestern begann ein Prozess gegen zwei Männer, die in Cottbus junge Cottbuser als Drogen-Kuriere angeworben haben sollen. Erst kürzlich hatte das Gubener Amtsgericht einen 25-Jäh- rigen verurteilt, der für seine tägliche Dosis Koks oder Heroin stahl. Auch das Cottbuser Landgericht schickte zwei abhängige Forster Serienräuber hinter Gitter, nachdem sie eine Spielo-thek ausgeraubt hatten, weil sie Geld für Heroin brauchten.
Letzter Höhepunkt der erschreckenden Drogenbilanz: In Groß Bademeusel setzte sich jüngst ein Heroin-Süchtiger seinen letzten Schuss, während in Senftenberg zwei 15-Jährige alten Frauen die Handtasche raubten, um sich Geld für Drogen zu beschaffen, und in Guben ein 17-Jähriger einen Kiosk überfiel, um seine Sucht zu finanzieren.
Illegale Drogen sind in der Region weiter auf dem Vormarsch – und mit ihnen die Beschaffungskriminalität. Das sächsische Landeskriminalamt meldet für die ersten sechs Monate diesen Jahres fast zehn Prozent mehr Drogendelikte als im ersten Halbjahr 2002. In Brandenburg heißt es unterdessen, dass nur bei Heroin und bei Ecstasy ein leichter Anstieg zu verzeichnen sei, während in Sachsen-Anhalt die Ermittler konstatieren: «Die Anzahl der Delikte ist leicht rückläufig, aber Jugendliche greifen immer früher zu illegalen Drogen.»
Die Hemmschwelle, Drogen auszuprobieren, schwindet bei den ostdeutschen Jugendlichen mehr und mehr. Das Innenministerium in Sachsen-Anhalt spricht von einem Absinken des Durchschnittsalters der Erstkonsumenten auf 16 Jahre. Theo Baumgärtner, Drogenexperte vom Büro für Suchtprävention der Hamburgischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren, resümiert: «Es gibt da keine deutlichen Unterschiede mehr zwischen Ost und West. Rauschmittel sind ein gesamtdeutsches Jugendphänomen.»

Ost-West-Annäherung
Hedwig van Rennings, Professorin an der Fachhochschule Lausitz, nennt in einem Fachaufsatz Zahlen. Danach hat in Ostdeutschland etwa jeder vierte Jugendliche bis zum 25. Lebensjahr schon einmal illegale Rauschmittel getestet – kaum weniger als im Westen. Dabei sammeln die meisten ihre ersten Drogenerfahrungen zwischen 16 und 18. «In unseren Statistiken tauchen aber auch Jugendliche auf, die jünger als 14 sind» , sagt die brandenburgische LKA-Sprecherin Bärbel Cotte-Weiß.
Der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm schlug kürzlich Alarm. Denn inzwischen konsumieren nicht nur Kinder unter 14 Jahren Drogen. Sie handeln auch damit.
Experten erstaunt das nicht. Vor drei Jahren hatten Befragungen der Siebt-klässler im Oberspreewald-Lausitz-Kreis ergeben, dass jeder Elfte bereits Drogen probiert und jeder 40. sogar regelmäßig konsumiert hatte. Bei den Zehntklässlern hatte jeder Dritte Drogen-Erfahrungen gesammelt, während in Cottbus gar jeder Vierte erklärte, er nehme regelmäßig Drogen zu sich.
«Bei Vernehmungen zu Drogendelikten kommt immer wieder heraus, dass fast alle Tatverdächtigen schon als Kinder mit Cannabis Kontakt hatten» , sagt Peter Boenki, Polizeisprecher im Oberspreewald-Lausitz-Kreis. Er hat beobachtet: «Die Konsumenten sind jünger geworden. Und es gibt inzwischen einen Trend zu härteren Drogen.»

Am Anfang ist es Imponiergehabe
Sein Kollege Berndt Fleischer, zuständig für Cottbus und den Spree-Neiße-Kreis, bestätigt das. «Sie brauchen sich nicht zu wundern, wenn Ihnen am Tisch ein 12-jähriger Drogenkonsument gegenübersitzt» , sagt er. «Die meisten fangen aber mit 14 oder 15 an – aus Imponiergehabe oder Probierlust. Und dann steigert sich das bei einigen.»
In Leipzig zum Beispiel waren bereits im vergangenen Jahr acht von zehn Ratsuchenden, die sich an die ambulante Suchtberatung gewandt hatten, von Opiaten abhängig. 16 der 19 sächsischen Drogentoten kamen aus Leipzig. In diesem Jahr haben die Behörden erneut vier Suchtopfer in der Messestadt gezählt, während es in Dresden zwei waren.
In Brandenburg registrierten die Behörden im vergangenen Jahr acht Drogentote. Aufgrund der Berliner Sogwirkung sei diese Zahl aber fragwürdig, so die brandenburgische Landesstelle gegen Suchtgefahren, die in der Mark von 500 Opiatabhängigen und 5000 «problematischen Drogenkonsumenten» ausgeht.
Dass es auch in der Region längst keine Inseln der Seligen mehr gibt, darauf weisen Experten hin. So konstatierte Streetworkerin Manja Renner kürzlich, dass Drogen in Forst an jeder Schule zu haben seien – «selbst an Grundschulen» . LKA-Sprecherin Bärbel Cotte-Weiß zählt die Neiße-Stadt inzwischen neben Potsdam, Cottbus und Frankfurt (Oder) zu den Drogenhochburgen in Brandenburg.
«In Cottbus und im Spree-Neiße-Kreis bekommen Sie überall alles» , sagt Polizeisprecher Fleischer, während sein Kollege Boenki aus dem OSL-Kreis einschränkt: «Bei uns können Sie Drogen nicht flächendeckend, aber an populären Jugendtreffs, in Schulen und in Diskotheken kaufen.»
Weil vorherige Aufklärungskampagnen nur wenige junge Menschen erreicht haben, wie Brigitte Mönch vom Cottbuser Gesundheitsamt erklärt, gehen einige Städte in Brandenburg und Sachsen inzwischen neue Wege bei der Suchtbekämpfung. In Sachsen sind zum Beispiel vor einem Jahr Modellprojekte angelaufen, mit denen versucht wird, mehr Jugendliche als Multiplikatoren für die Informationsarbeit zu gewinnen. Auch in Cottbus sollen jetzt Gleichaltrige ihre Mitschüler über die Risiken des Drogenkonsums aufklären, «weil sich mit Strafverfolgung das Drogen-Problem allein nicht lösen lässt» , wie Klaus Münzberg vom Polizei-Schutzbereich Cottbus/Spree-Neiße sagt. Deshalb werden jetzt gezielt Siebtklässler in dreitägigen Kursen geschult, um bei Drogenproblemen zu vermitteln.
«Das ist ein guter Ansatz, wie Forschungsergebnisse belegen» , sagt Claus Niekrentz, Geschäftsführer der brandenburgischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren. «Da wirkt nämlich das Prinzip: Von Gleichaltrigen nimmt ein Jugendlicher eher etwas an als von Erwachsenen.»
Hintergrund Zahl der Delikte zeigt
  • Leipzig bleibt ostdeutsche Drogenkriminalitätshochburg. In den ersten sechs Monaten registrierte das Landeskriminalamt 358 Delikte je 100 000 Einwohner in der Messestadt. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 308 Delikte.
  • Das brandenburgische Innenministerium veröffentlich keine Halbjahreszahlen mehr zur Drogenkriminalität. Nach RUNDSCHAU-Informationen erhöhte sich die Anzahl der Delikte zum Beispiel im Schutzbereich Oberspreewald-Lausitz-Kreis aber in den ersten sechs Monaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum minimal um fünf auf 130. Dabei stellten Jugendliche unter 21 Jahren mit 100 Tatverdächtigen das Gros. Eine leichte Zunahme um 16 Delikte verzeichnete auch der Schutzbereich Cottbus/Spree-Neiße. Die meisten Tatverdächtigen waren zwischen 15 und 21 Jahre alt.
  • In Sachsen-Anhalt registrierte das Landeskriminalamt in den ersten sechs Monaten diesen Jahres 3038 Drogendelikte. Das waren 28 weniger als im Vorjahreszeitraum.
  • Die Jugend-Aktion „Lebensrausch“ gegen Gewalt und Drogen in den neuen Ländern ist offiziell gestern in Leipzig gestartet worden. Im Mittelpunkt steht das Internetportal „www.lebensrausch.com“ , das Jugendliche für Jugendliche aufbauen sollen, teilte das Landeskriminalamt Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin mit.
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    Von Jürgen Becker  Artikel vom 22.08.2003 01:04


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