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Axolotl Roadkill: Zwischen Chaos und Wahnsinn

Hegemanns Debütroman als Herausforderung an die Sprache

 


Vorbemerkung: Die folgende Szene könnte genauso gut aus dem Buch Axolotl Roadkill stammen. Das tut sie aber nicht. Sollte sie jemals in einer möglichen Fortsetzung oder Überarbeitung des Romans auftauchen, so wäre es schön, wenn der Autor in der Danksagung erwähnt würde oder als Inspirationsquelle Eingang in das Quellenverzeichnis fände. Sollte das nicht passieren, so wird es einen folgenschweren Blogeintrag geben.

Die Szene: Nachts um 4 Uhr auf einer Party, die ihren Höhepunkt längst überschritten hat, führen zwei Menschen ein Gespräch. Der eine davon ist mehr breit als high und es ist zu hoffen, dass er (oder sie) sich nicht an seinem Ersprochenen verschluckt oder gar daran erstickt. Während diese Person durch ihren Sprechdurchfall die größte Öffnung ihres Lebens erfährt, muss ihr Gegenüber dieses Erlebnis aus Höflichkeit erleiden. Der Redner geht mit seinem Zuhörer nicht zimperlich um und erklärt ihm bereitwillig, welcher Brocken welche Geschichte hat. Was für ein Glück. Dabei schmiert der er dem Geplagten seine Absichten, Methoden und Masken ins Gesicht. Diese Szenenbeschreibung und die deren Redner ist eine gute Analogie zu der Figur Mifti. Der Zuhörer wird zum Leser von Axolotl Roadkill, denn genau dieser Eindruck entsteht, während des Lesens des Buches von Hegemann. Wie unterhaltsam das ist, soll jeder selbst entscheiden, wobei die entstehende Verwirrung durch den Einsatz von vulgären Ausdrücken mit Unterstützung des Drogen-ABC das Lesen des Romans anstrengender werden lässt. Besonders verstärkt sich dieser Eindruck bei unklaren Gesprächen und unlesbaren Stellen, bis hin zu Beschreibungen, die auch aus den SAW-Filmen sein könnten. Hegemanns Methode, ihre Gedanken ungeordnet und im Chaos dem Leser anzubieten, erzeugt große Verständnisschwierigkeiten. Dabei ist die erzeugte Stimmung nicht so schlecht, wie ihre Darstellung. Der Leser taucht in die Welt von Mifti ein, die eine ungesunde Lebensüberdrüssigkeit zelebriert und eigentlich nur auf der Suche nach dem nächsten Kick ist.

Grade in dieser Darstellung entstehen großartige Worte wie „Wohlstandsverwahrlost“, die nicht nur die Welt von Mifti beschreiben, sondern auch leicht in die Welt außerhalb des Buches übertragen und angewendet werden können. Diese Welt besticht nicht nur durch ihre eigene Sprache, sondern auch durch darin vorkommenden Personen. Sie sind seltsam, haben jeder für sich spezielle Hobbys doch stets das gleiche Ziel: Der nächste Höhepunkt.

Der Hauptcharakter Mifti scheint seine Höhepunkte in Offenbarungen zu finden. In diesen präsentiert Mifti dem Leser ihre Absichten und Motive. Dabei verliert sie an Glaubwürdigkeit durch ihre penetrante und überzogene Darstellung ihrer kruden Weltsicht. Wer hört sich nicht gern Sätze an, wie: „Ich bin ein misshandelter Teenager.“ oder „Ich erfreue mich an der von mir perfekt dargestellten Attitüde des arroganten, misshandelten Arschkindes, das mit seiner versnobten Kaputtheit kokettiert und die Kaputtheit seines Umfelds gleich mit entlarvt.“ Was wohl Psychologen zu solch einem Krankheitsbewusstsein sagen würden? Es ist schlichtweg überflüssig, dass Hegemann ihre ersprochenen Ideen durch Mifti dem Leser noch einmal und in aller Deutlichkeit unter die Nase reibt.

Hegemann liefert mit Axolotl Roadkill einen Roman ab, der eine Sprache pflegt, die schwer verständlich ist. Dabei versucht sie in expliziten Darstellungen das Innenleben ihrer Charaktere für jeden Leser erkennbar darzustellen, so dass der Leser nicht mehr selbst kauen muss, sondern einfach den Brei schlucken kann, der ihm vorgesetzt wird. Dazu ist nur die Aneignung der Sprache Hegemanns nötig. Was das ganze mit einem überfahrenen Schwanzlurch (so die deutsche Übersetzung des Buchtitels) zu tun hat, bleibt dabei weiterhin unklar. Der Roman präsentiert sich als Herausforderungen für all diejenigen, die sich nicht dieser speziellen Sprache annehmen und sich trotzdem durch die Sprachgestrüppe kämpfen wollen.

Wie viel Hegemann an Axolotl Roadkill wirklich geschrieben hat oder wie viele der Worte ihre eigenen Ideen enthalten, wird nur Hegemann selbst wissen und die Nachreichung eines Quellenverzeichnisses und Danksagung ihres Verlags wird diesen unbefriedigenden Nachgeschmack nicht beseitigen können. Doch der entstandene Wirbel an Aufmerksamkeit dient nicht nur der Autorin, sondern auch einigen Plagiierten.

Ein Kauf des Buches empfiehlt sich, wenn Wert auf eine gewaltige Sprache gelegt wird, was darin dann dargestellt wird, rutscht allerdings in die Nebensächlichkeit ab. Trotzdem ist das Buch eine Erfahrung wert, wenn auch nur der Wunsch zum Mitreden dadurch befriedigt wird.

Das Buch ist im Januar 2010 im Ullstein-Verlag erschienen.
208 Seiten, € 14,95 [D]

 

Foto: Ullstein


Pierre Kurby
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