Indianer, Aborigines, Maori, die meisten indigenen Ureinwohner aller Kontinente teilen ein bitteres Schicksal. Der Bruchteil von ihnen, der die Ausbeutung, Morde und eingeschleppten Krankheiten der weißen Eroberer auf deren Suche nach Bodenschätzen und Siedlungsland überlebte, fristet heute ein zumeist trübes Daseins in abgezäunten Reservaten. Getrennt von ihrem Land, mit dem sie eine mythisch religiöse Beziehung verbindet, landen viele im Teufelskreis von Depression, Alkohol und Selbstmord. Marco Bechis schildert diesen Lauf des Schicksals einfühlsam und trotzdem nicht pathetisch am Beispiel des Stammes der Guarani-Kaiowá im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul.
Die weißen Großgrundbesitzer führen dort ein komfortables Leben, dank landwirtschaftlichen Großbetrieben, dem Anbau von genveränderten Pflanzen und „Birdwatching“-Touren für Touristen. Die für diese Touren als Foto-Attraktion engagierten Guarani-Kaiowa Indianer leben dagegen in Armut und Mangel in den ihnen zugeteilten Reservaten abseits der fruchtbaren Plantagen. Sich ihrer Entwurzelung und des perspektivlosen Daseins bewusst sehen viele nur den Selbstmord als Ausweg. Doch eine kleine Gruppe unter Häuptling Nadio (Ambrósio Vilhalva) wagt die Revolution und siedelt zurück auf das Land ihrer Ahnen. Der Preis, den sie für dieses Wagnis zahlen ist allerdings sehr hoch.
Osvaldo (Abrísio da Silva Pedro) sieht das dunkle Schicksal, in das sie rennen lange vor den Anderen in seinen mystischen Träumen und Begegnungen mit Anguè s, dem bösen Geist. Hervorragend umgesetzt durch die Klänge von Trommeln, Schattenfiguren und ruckartige Kamerawechsel begegnet auch der Kinozuschauer dieser unheilvollen Macht und betrachtet das Schicksal des Schamanenlehrlings und seiner Gruppe aus dessen Perspektive. Schön wirken die Bilder aus dem tropischen Dschungel aber nicht: gerodete Wälder, eine mürrische Horde aufmüpfiger Eingeborener und ein schlammiger Fluss. Bechis versucht nicht die idealisierten Vorstellungen der Zuschauer von einer romantischen Urwaldkulisse zu bedienen. Stattdessen schafft der italienische Regisseur den Eindruck eines gut recherchierten und authentischen Blicks in den alltäglichen Lebenskampf des Stammes zwischen Überleben und Tradition.
Das Thema und der Umgang damit reihen sich perfekt in die bisherigen Werke des linken Aktivisten. Der Sohn einer Chilenin und eines Italieners wuchs in Buenos Aires auf, wo er viele Themen für seine künstlerische Form des Protestes fand. Sein bisher erfolgreichster Film JUNTA aus dem Jahr 1999 beispielsweise setzt sich mit dem Schicksal einer jungen Studentin auseinander, die zu Zeiten der argentinischen Militärdiktatur von der Geheimpolizei verschleppt wird. In Gefangenschaft sieht sie sich vollkommen unerwartet ihrem eigentlich extrem schüchtern wirkenden Mitbewohner gegenüber. Zu ihrem Entsetzen stellt er sich jedoch als abgebrühter Verhörspezialist heraus. Viele autobiografische Bezüge lassen sich in Bechis Filmen finden, saß er doch selbst in Haft in einem Folterlager der Militärdiktatur. Nur auf Druck seiner Eltern konnte er in ein normales Gefängnis überstellt werden und sah letztlich in der Emigration nach Italien seinen einzigen Ausweg. Da wirkt es wenig verwunderlich, dass alle seine Filme mahnende und entlarvende Grundzüge tragen. Auch mit Birdwatchers verbindet er ein persönliches Anliegen. Bechis widmen diesen Film dem Andenken seines 2002 verstorbenen Freundes und Mentors Enrique Ahriman. Lange Diskussionen an dessen Sterbebett über den Völkermord während der Eroberung Amerikas waren Inspiration für umfangreiche Recherchereisen nach Südamerika und letztendlich für das Drehbuch von Birdwatchers. Besonders die Berichterstattung über die Selbstmorde junger Indianer in Mato Grosso do Sul – der jüngste gerade einmal neun Jahre alt - und deren Kampf zur Zurückgewinnung ihres Landes faszinierten ihn.
Allerdings ist es eine große Herausforderung das verworrene und prekäre Schicksal der südamerikanischen Eingeborenen einem Kinopublikum, aus dessen Lebenswelt dieses so weit entrückt scheint, in nur 108 Minuten zu vermitteln. So wirken denn auch die vielen und komplexen Sachverhalte, die das Leben der Indianer so unerträglich machen, größtenteils nur angeschnitten. Und einen Lösungsvorschlag für die verzwickte Lage kann auch Bechis Film nicht bieten.
Der Film startet am 16. Juli 2009 auch in deutschen Kinos. Weitere Informationen gibt es unter: http://birdwatchers.pandorafilm.de/
Fotos: Pandora Film
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