

|
Die katholische Kirche – ein kaum zu durchblickendes jahrhundertealtes System und ein polarisierendes Thema - ist in letzter Zeit verstärkt unter Kritik geraten. Ihre umstrittene Beziehung zur radikalen Pius-Bruderschaft oder die päpstliche Verunglimpfung von Kondomen auf einer Afrika Reise sind nur zwei Beispiele. Ein gewalttätiges Komplott zur absoluten Vernichtung der gesamten katholischen Kirche, ihres Anführers und ihres Sitzes im Vatikan stellt also ein Thema dar, wie es aktueller kaum sein könnte. Ron Howard lässt in „Illuminati“, der lang ersehnten Fortsetzung von „The Da Vinci Code – Sakrileg“, diese tödliche Bedrohung Wirklichkeit werden.
Als der Papst stirbt und die katholische Kirche für kurze Zeit verletzlich und verwundbar ohne Führung verbleibt, greift ein altbekannter aber längst für Tod erklärter Feind an - die Illuminati. Dieser konspirative Geheimbund, dessen Wurzeln weit ins 16. Jahrhundert zurück reichen, hat sich der Erleuchtung der Welt durch Wissenschaft verschrieben und gilt als mächtigste Untergrundbewegung der Geschichte. Mit der neuesten technischen Errungenschaft planen die „Erleuchteten“ jetzt die Zerstörung ihres verhassten Erzfeindes: eine tickenden Zeitbombe aus Antimaterie, hergestellt im schweizerischen CERN Teilchenbeschleuniger. Nur eine derartig essentielle Bedrohung kann die Verantwortlichen im Vatikan dazu veranlassen Robert Langdon um Hilfe zu bitten, der zuvor den geheimsten und bestgehüteten Code der Christenheit entschlüsselt hatte. Als Experte für die Symbolwelt der Illuminati, die mit voller Brutalität wieder auferstanden zu sein scheinen, wird er auf eine spannende, actionreiche Jagd durch Rom zu versiegelten Krypten, gefährlichen Katakomben und verlassenen Kathedralen geschickt. Zusammen mit der italienischen Wissenschaftlerin Vittoria Vetra (Ayelet Zurer) ist es seine riskante Aufgabe eine 400 Jahre alte Spur altertümlicher Symbole versteckt in wertvollen Kunstwerken zu entschlüsseln und damit das Überleben des Vatikans zu sichern bevor die Zeit abläuft.
Hohe Erwartungen an die Verfilmung setzen die von Dan Brown geschriebenen Bestseller „Sakrileg“ und „Illuminati“. Sakrileg gilt als eines der größten Topseller aller Zeiten. Anfang des Jahres 2004 waren in einer Woche alle vier Romane von Dan Brown in der Bestsellerliste der New York Times zu finden. Die Erwartungen und das Medieninteresse vor dem Kinostart von „The Da Vinci Code“ waren so hoch wie selten. Trotz schlechter Kritiken lockte 2006 der erste Teil unglaublich viele Menschen in die Kinos und spielte über 750 Millionen US-Dollar ein. Der Erfolgsdruck für die Fortsetzung ist also umso größer, ein schwieriges Erbe. Vielleicht wurde deshalb erneut auf das bereits erprobte Erfolgsteam gesetzt. Die Kritikpunkte des ersten Films bleiben jedoch größtenteils bestehen. Ron Howard schafft zwar eine in ihrer Bildsprache sehr ansprechende Verfilmung des Buches, viel Spielraum und künstlerische Freiheit nimmt er sich dabei jedoch nicht heraus. Die eindrucksvollen Kulissen alt ehrwürdiger Kathedralen und bekannter architektonischer sowie bildhauerischer Meisterwerke entführen den Zuschauer in eine Welt, die von ihren Traditionen lebt und für dessen Erhalt nicht einmal vor Mord zurück gescheut wird. Die faszinierende und überraschende Geschichte dazu steht allerdings bereits bei Dan Brown beschrieben und Leser des Buches, die sich der Hysterie um seine Romane nicht entziehen konnten, werden im Film nicht viel Neues entdecken.
Auch Tom Hanks ist in seinem zweiten Auftritt als der Harvard Symbologe Robert Langdon immer noch nicht mit der Rolle verwachsen. Für die atemlose und rasante Hetzjagd durch die ewige Stadt wirkt er zu wenig wie ein Actionheld á la James Bond. Allerdings fällt es auch schwer ihm den Intellektuellen abzunehmen, der mit Detailwissen über die jahrhundertealte Geschichte der katholischen Kirche und deren Irrungen und Verwirrungen die Welt retten soll. Vielmehr wirkt es häufig so, als ob er zufällig und nicht durch bewusste Suche auf die entscheidenden Hinweise gestoßen wird. Zum Glück hat er bei seiner Mission mit Vittoria Vettra ein Multitalent an seiner Seite. Der multilingualen, emanzipierten Bio-Physikerin mit erstaunlichen medizinischen Kenntnissen und einem Faible für Kunstwerke und Geschichte verzeiht die Männerwelt zwar den ein oder anderen Diebstahl wenn sie auf hinreißende Weise damit Kriminalfälle aufklärt, aber ihre Rolle wirkt absolut überladen. Ein positives Beispiel schauspielerischer Leistung liefert hingegen Ewan McGregor. Durch die Entwicklung, die sein Charakter im Fortgang der Handlung durchläuft, ist dies eine der interessantesten Rollen in Dan Browns Erzählung. McGregor verleiht dem treuen und aufopferungsvollen Kammerdiener des Papstes, der nach dessen Ableben bis zur Neuwahl der Kopf der katholischen Kirche ist, das passende Sympathie erweckende Gesicht. Die tiefe Trauer des Waisenkindes, das in dem verstorbenen Papst seinen Vater sieht, und alles für seine Kirche tun würde, passt in dieses Bild und lässt doch Raum für überraschende Entwicklungen.
Zu einem wirklichen Kinoerlebnis wird der Film vor allem durch außergewöhnliche Bilder aus beeindruckenden Kulissen und stimmungsvoller Farbwahl. In Erinnerung bleiben vor allem die Szenen, in denen rot gewandete Kardinäle sich in aufwendig nachgebauten oder am Computer konstruierten Fassaden mit unzähligen Kunstschätzen zur Konklave zurückziehen. Unterstützt wird die Eindringlichkeit dieser Bilder durch die mitreißende Filmmusik unter der Verantwortung des großartigen Hans Zimmers.
Alles in allem handelt es sich bei „Illuminati“ um einen durchaus sehenswerten Film. Kenner und Fans der Bücher von Dan Brown sollten jedoch nicht zu viel erwarten. Die Handlung, die im Buch die ihr zustehende Zeit bekommt um sich langsam zu entfalten und Schritt für Schritt den Leser in ihren Bann zu ziehen, muss in die Formatvorgaben des Filmes gequetscht werden. Es entsteht zwar ein Film von unglaublichen aber kurzweiligen 138 Minuten Länge, der aber dennoch gehetzt durch die wundervollen, phantasiereichen Details des Buches führt. Für alle Dan Brown Novizen sei gesagt, dass es sich nicht um einen puren Action- oder Kriminalfilm handelt. Kinobesucher, die lediglich Spannung oder Autojagden suchen, werden sich durch die ausschweifenden und zahlreichen Abstecher in Kirchengeschichte und Kunsthistorie eher wie auf der Schulbank vorkommen.
Fotos: sony pictures
|