Am Dienstagvormittag sind die Säle noch nicht gefüllt. Nachdem am Montag neben der Eröffnung nur zwei Filme gezeigt wurden, steigt der Zuschauer nun voll in die kunterbunte Welt der Dokumentar- und Animationsfilme ein. Mehr als 50 Filme laufen allein an diesem Tag. Einige von ihnen werden bis Sonntag wiederholt werden, andere haben nur diese eine Chance gesehen zu werden.
Natürlich kann man unmöglich alle Vorstellungen besuchen, natürlich lässt man sich von den Titeln, den Kurzbeschreibungen und persönlichen Interessen bei der Auswahl leiten. Und doch fällt es schwer sich auf einige Filme festzulegen – die Bandbreite ist einfach zu groß. Doch nun ist diese Hürde überwunden. Es kann losgehen! Die Karten sind gekauft, die Plätze eingenommen. Es ist halb zwei. Der Film beginnt.
Eine Werkstatt taucht auf der großen Leinwand auf. Ein alter Mann arbeitet an einer Figur, einer Ameise, wie sich herausstellt. Noch während der ersten Szene eine Veränderung. Die Realität verschwimmt als sich die Puppe bewegt. Mit großen Augen nimmt das Tierchen seine Umgebung zum ersten Mal wahr, spricht von erwachen, geboren werden. 53 Minuten lang führt es uns durch die Entstehungsgeschichte des Animationsfilmes. Dem Publikum wird Wladislaw Starewicz, The Bug Trainer (Der Ameisentrainer) wie der Titel verrät, aus Litauen vorgestellt. Er begeisterte schon zu Beginn der Filmgeschichte, in den 10er und 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, seine Zuschauerschaft mit kleinen kämpfenden, spielenden oder verliebten Insekten á la Das große Krabbeln.
Nach knapp einer Stunde aufgelockerter Geschichtslektion von der niedlichen Ameise und Experten an gemalten Tischen, in gemalten Räumen, geht das Licht im Kinosaal langsam wieder an. Das recht spärliche Publikum klatscht, gibt sonst jedoch wenig Reaktion auf den Film. Auch nicht als die Regisseurin später von den Dreharbeiten und ihrer „Mission“ erzählt, Starewicz dem Publikum zurück ins Gedächtnis zu rufen.
Es bleibt nicht viel Zeit bis zum nächsten Film. Schon nach wenigen Augenblicken wird das Licht erneut gedimmt. Niemand verlässt in dieser kurzen Pause seinen Platz. So manch einer ist nur wegen dem Folgenden gekommen, der in einem Block mit The Bug Trainer gezeigt wird. Auf diese Weise werden im gesamten Festivalverlauf häufig Filme in Zweier- und Dreiergruppen, Kurzfilme sogar in ganzen Blöcken, nach Thema und Machart zusammengefasst.
Der zweite Animationsfilm Chuck Jones: Memories of Childhood zeigt die Geschichte von Chuck Jones, dem Erfinder und Zeichner von Bugs Bunny, Duffy Duck und vielen anderen bekannten Trickfiguren. Durchsetzt mit bewegten Zeichnungen erzählt der Künstler selbst im Interview von seiner Kindheit und prägenden Erfahrungen. Die Entwicklung dieses Mannes und seiner Figuren wird im wahrsten Sinne des Wortes Schritt für Schritt nachgezeichnet. Dabei zeigt sich die Verbundenheit des Künstlers mit seinen Kreationen: Charakterzüge und Eigenarten seiner eigenen Person flossen in die Figuren ein und machten unverwechselbar.
Der Film wirkt anrührend, sympathisch und selbstbewusst, wie der Protagonist selbst, als er mit 84 Jahren verkündet, er fühle sich nicht alt und sein Leben wäre noch lange nicht vorbei. Ein Seufzen geht durch das Publikum als der Film bald darauf endet - mit der Einblendung Chuck Jones 1902-2002.
Fotos: www.dok-leipzig.de
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